Katarakt und UV-Linsen

von | Okt. 30, 2026 | Allgemein, Diabetes Wissen

Lesedauer 3 Minuten

Kunstlinsen nach Kataraktoperation – UV-Schutz als angebliche Gefahr?

Erstaunlich, mit wie viel Blödsinn inzwischen Stimmung gegen die Medizin gemacht wird. 🙄
Hier ein besonders absurdes Beispiel von Legitim.ch:
Was eine Kataraktoperation (Grauer Star) dem Patienten nimmt, ohne ihn darüber zu informieren

Ein wenig Augenphysiologie hätte genügt!
Die natürliche Augenlinse ist selbst ein UV-Filter! Das ist keine zufällige Eigenschaft, sondern eine wichtige Schutzfunktion für die Netzhaut.

  • UV-C (100–280 nm): Wird durch die Erdatmosphäre weitgehend abgefangen.

  • UV-B (280–315 nm): Wird im Auge vor allem durch Hornhaut und vordere Augenabschnitte absorbiert.

  • UV-A (315–400 nm): Wird zu einem erheblichen Teil durch die natürliche Linse absorbiert

Richtig ist: Beim Katarakt (Grauer Star) trübt sich die natürliche Augenlinse ein. Dabei verlieren die hochgeordneten Linsenproteine ihre Transparenz. Das bedeutet: UV-Strahlung ist kein notwendiger Nährstoff für die Netzhaut. Eine zusätzliche UV-Belastung kann vielmehr oxidativen Stress und Gewebeschäden verursachen.

Eine wichtige Rolle kann der Polyolstoffwechsel spielen: Glukose wird über die Aldosereduktase zu Sorbitol umgewandelt. Dessen Anreicherung kann osmotische Schäden und eine Trübung der Linse verursachen. Das ist insbesondere bei der diabetischen Katarakt relevant, die bei schlecht eingestelltem Diabetes gehäuft und früher auftreten kann.

Katarakt und Polyolstoffwechsel

Ältere Untersuchungen zeigten, insbesondere bei der diabetischen Kataraktbildung der sogenannte Polyolstoffwechsel eine wichtige Rolle spielt.

Die klassische Kette bei chronischer Hyperglykämie:

  1. Glukose wird durch das Enzym Aldosereduktase unter Verbrauch von NADPH zu Sorbitol reduziert.
  2. Sorbitol akkumuliert in den Linsenfasern, wenn seine Bildung den weiteren Abbau übersteigt.
  3. Es entsteht osmotischer Stress mit Veränderungen des Wasserhaushalts, Schwellung und Schädigung der Linsenfasern.
  4. Die geordnete Struktur der Linsenproteine wird gestört, die Lichtstreuung nimmt zu – die Linse trübt sich ein.

Man hat das sowohl bei Kaninchen (1983) als auch Ratten 1985 nachweisen können und dann versucht mit einem Aldosereduktasehemmer das Sorbitol wieder herauszulösen. Aldosereduktasehemmer, beispielsweise Sorbinil, wurden auch bei periphere Neuropathien  eingesetzt.
Die Ergebnisse waren jedoch ernüchternd: Nebenwirkungen, begrenzte klinische Wirksamkeit und Schwierigkeiten bei der Übertragung experimenteller Ergebnisse auf den Menschen verhinderten den breiten therapeutischen Durchbruch.

Entscheidend bleibt deshalb eine möglichst gute langfristige Blutglukoseeinstellung, um hyperglykämiebedingte Stoffwechselschäden zu begrenzen.

Ist eine Katarakt bereits fortgeschritten und beeinträchtigt das Sehvermögen erheblich, ist die operative Entfernung der getrübten Linse mit Implantation einer Kunstlinse heute die etablierte und wirksamste Behandlung

Allerdings ist dies nicht der alleinige Entstehungsmechanismus der altersbedingten Katarakt.

Und wozu dient die natürliche Augenlinse?

Nicht nur zur Lichtbrechung und Akkommodation, sondern auch zum Schutz der Netzhaut vor UV-Strahlung!

UV-Licht kann photochemische Schäden verursachen. Deshalb absorbiert bereits die natürliche Linse einen erheblichen Teil der UV-Strahlung. Eine künstliche Intraokularlinse übernimmt nach der Kataraktoperation diese Schutzfunktion.

Und warum trägt der Mensch wohl eine Sonnenbrille mit UV-Schutz? 😎

Bestimmt nicht, weil seine Netzhaut dringend eine Extraportion UV-Strahlung benötigt!

Wer aus dem UV-Schutz einer Kunstlinse einen angeblich verschwiegenen Gesundheitsschaden konstruiert, verwechselt grundlegende Augenphysiologie mit Angstmacherei.

Medizin kritisch hinterfragen? Unbedingt! Aber bitte mit Sachkenntnis statt Stimmungsmache.

Und noch ein kleiner Tipp für alle Bildschirmarbeiter!

Viele Entwickler (Devs), Computerfreaks und Menschen, die täglich stundenlang vor dem Bildschirm sitzen, berichten, dass Filterbrillen ihre Augen entlasten.
Das ist durchaus plausibel! Allerdings liegt es nicht an der UV-Strahlung des Bildschirms, denn moderne Monitore geben praktisch keine relevante UV-Strahlung ab.

Die häufigsten Ursachen für Augenbeschwerden bei langer Bildschirmarbeit sind Blendung, Reflexionen, ungünstige Helligkeitsverhältnisse und vor allem die verminderte Lidschlagfrequenz mit erhöhter Tränenfilmverdunstung.
Eine Entspiegelung, eine leichte Tönung oder eine individuell angenehme Reduktion bestimmter sichtbarer Wellenlängen können den Sehkomfort verbessern. Ein zusätzlicher Nutzen spezieller Blaulichtfilter gegen Augenbeschwerden ist wissenschaftlich allerdings nicht überzeugend belegt.

Und nicht vergessen: Öfter und vor allem vollständig blinzeln! 😉
Das stabilisiert den Tränenfilm, verteilt die Tränenflüssigkeit gleichmäßig auf der Augenoberfläche und vermindert die Austrocknung.

Manchmal ist die beste Augenpflege kein Hightech, sondern ein ganz natürlicher Reflex! 😎

Fazit: Wir kennen seit Jahrzehnten biochemische Mechanismen der diabetischen Katarakt, haben versucht, pharmakologisch einzugreifen, und verfügen heute über eine wirksame operative Behandlung. Ausgerechnet deren UV-Schutzfunktion als angeblich verschwiegenen Schaden darzustellen, ist eine ziemlich abenteuerliche Umkehrung der medizinischen Erkenntnisse.

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